KI in (d)einer Bewerbung: Komplett ablehnen oder blind vertrauen?
- Kremena Doynov
- vor 5 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 13 Stunden

Neulich sassen wir in meinem Büro in einem ersten Kennenlerngespräch. Sie, eine junge Frau, Jahrgang 91. Mit einer Lehre und ersten Erfahrungen im Verkauf. Doch dann merkte sie, dass der direkte Kundenkontakt nichts für sie ist (was ich ehrlich gesagt schon nach zehn Minuten ahnte). Sie hatte entschieden, sich im Bereich Rechnungswesen umzuschulen (hier dachte ich: Die Entscheidung ist richtig). Nun sucht sie eine neue Stelle, in der sie das Gelernte umsetzen kann.
LinkedIn? Haben Sie ein Profil? - frage ich sie. Nein. Im Verkauf, sage ich, ist ein Profil vielleicht nicht zwingend, aber als zukünftige Buchhalterin ist es sehr empfehlenswert. Von ihrer Reaktion spüre ich jedoch eine starke Ablehnung gegenüber allem, was (für sie) "neu und fremdgesteuert" ist.
Gut, dachte ich mir. Wir werden uns noch ein paar Mal treffen, vielleicht gelingt es mir, ihr klarzumachen, dass ihre Zukunft - privat wie beruflich - stark von solchen Technologien geprägt sein wird. Sie muss sie nicht lieben. Aber sie sollte sie für sich nutzen können. Wir besprechen andere, klassische Themen der bevorstehenden Zusammenarbeit und verabschieden uns.
Noch am gleichen Tag landet diese E-Mail in meinem Postfach:
"Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass weder mein Foto noch mein Lebenslauf mit einer KI oder anderen automatisierten Verfahren erstellt, bearbeitet oder verändert werden dürfen. Besten Dank für Ihre Kenntnisnahme."
Ich las die E-Mail ein paar Mal durch. Ehrlich gesagt war ich etwas perplex, zumal das Thema in unserem Gespräch überhaupt nicht zur Sprache kam.
Das ist eine sehr verbreitete Realität heute: Die einen lehnen es entschieden und vollständig ab, die anderen können nicht mehr ohne. Und ich denke: Beide Extreme liegen falsch.
Was hat deine Einstellung zu KI mit Bewerbungen zu tun, und warum ist es wichtig, eine gesunde Beziehung dazu aufzubauen?
So wie unsere Eltern sich in ihren kühnsten Gedanken nicht vorstellen konnten, dass wir eines Tages ein komplettes Telefonbuch samt Computer in der Hosentasche tragen würden, so wird es irgendwann Alltag sein, dass KI unsere Arbeit erleichtert. Aufgaben, über die wir tagelang unsere Köpfe rauchen liessen, werden in Sekunden gelöst. Davon bin ich zutiefst überzeugt, auch wenn ich selbst meine Vorbehalte habe.
Wer KI komplett ablehnt, verzichtet auf ein Werkzeug, das echte Erleichterung bringen kann. Wer ihr blind vertraut, verblödet - nein, ich entschuldige mich nicht für dieses Wort. Solche Nutzer produzieren Ergebnisse, die glatt wirken, korrekt sind, aber keine Seele haben.
Heute sind Tools wie ChatGPT, Claude usw. schon so verbreitet, dass kaum noch jemand ernsthaft die Frage stellt, ob man sie benutzen darf. Inzwischen stellen sich viel mehr Menschen die Frage: Wie soll ich KI sinnvoll, unterstützend, vernünftig und für mich wirklich hilfreich anwenden?
Und genau hier beginnt das Problem - auch bei einer Bewerbung mit KI.
Heute machen es viele - vermutlich die meisten - falsch. Sie tippen: "Schreib mir ein Motivationsschreiben für diese Stelle" oder "Überarbeite meinen Lebenslauf passend zu dieser Stelle".
Das Resultat: Ein Text, der zwar korrekt klingt, aber nach niemandem.
Vom Ergebnis fühlen sich dann die Kritiker bestätigt: "Ich wusste es - KI kann man für Bewerbungen nicht nutzen!" Andere gehen den umgekehrten Weg und übernehmen alles ungeprüft: "Wenn KI es so formuliert, wird es wohl stimmen." Ahnst du es? Ja, beides ist eben falsch.
Die entscheidende Frage lautet daher: Wie und wofür kannst du KI in deiner Bewerbung tatsächlich sinnvoll einsetzen?
Nachfolgend zeige ich dir drei konkrete Beispiele in der Vorbereitung auf deine nächste Bewerbung, bei denen KI dir wirklich etwas bringt - wenn du sie richtig nutzt.
Verstehen, was das Unternehmen mit dem Stelleninserat wirklich sagen will.
Die meisten lesen ein Stelleninserat einmal durch und fangen dann an zu schreiben. Oft lesen sie es nicht einmal richtig.
Ein Inserat ist jedoch selten ein neutraler Text, schnell geschrieben, auch dann nicht, wenn es genau danach aussieht. Hinter den Begriffen stecken Botschaften, Wahrnehmungen und Erwartungen, und es spielt eine entscheidende Rolle, ob du sie richtig deutest.
"Selbstständiges Arbeiten" klingt nach Eigenverantwortung, kann aber auch bedeuten, dass wenig Unterstützung vorhanden ist. "Dynamisches Umfeld" klingt nach Energie, kann bedeuten, dass Strukturen fehlen. "Kommunikationsstärke" klingt nach Soft Skill, kann bedeuten, dass täglich schwierige Gespräche geführt werden müssen. Usw.
Genau hier ist KI stark - als Analytikerin. Kopiere das Inserat und frage: "Welche Erwartungen stehen direkt im Text und welche zwischen den Zeilen? Was sagt die Wortwahl über das Unternehmen und die Rolle aus?"
Was du bekommst, ist Klarheit darüber, worauf du dich tatsächlich bewirbst und worauf du dich einlässt. Erst dann erkennst du, was du in deiner Bewerbung wirklich zeigen musst. Dank weiteren Aufgaben (Prompts) weisst du auch, wie du es auf den Punkt bringst.
Du weisst, welche Erfahrungen aus deinem Lebenslauf du gezielt hervorheben solltest - und welche du weglässt.
Wer das versteht, bewirbt sich anders.
Sehen, was in der eigenen Erfahrung wirklich steckt
Viele Menschen haben eine verzerrte Wahrnehmung von sich selbst; sie über- oder unterschätzen sich masslos. In der Bewerbungsphase ist das verheerend, sei es, weil du nicht auf die richtigen Argumente eingehst, oder weil du etwas versprichst, das du nicht halten kannst. Wer einen Lebenslauf mit KI erstellen oder überarbeiten will, macht oft denselben Fehler: Sie geben der KI eine schwache Vorlage und bekommen eine polierte Version desselben schwachen Inhalts zurück. Garbage in, garbage out.
Die nächste Problematik liegt darin, dass Stellensuchende in ihrem Lebenslauf beschreiben, was sie getan haben, und nicht, was sie geleistet haben. Tönt gleich, ist es aber nicht - der Unterschied ist gross.
Stell dir eine Kauffrau vor, die jahrelang die Buchhaltung eines KMU geführt hat: Kreditorenbuchhaltung, Mahnwesen, vorbereitende Jahresabschlussarbeiten. Im Lebenslauf steht aber: "Unterstützung in der Buchhaltung."... Unterstützung?, als wäre sie die Assistentin ihrer selbst gewesen.
KI hilft, das zu korrigieren. Aber nicht mit dem Befehl "schreib das besser". Sondern mit einer gezielten Frage: "Ich habe folgende Aufgaben übernommen bzw. ausgeführt: [konkrete Liste]. Was davon ist relevant für [Stelle] und wie formuliere ich es so, dass meine Leistung klar sichtbar wird?"
Was du bekommst, ist eine neue Perspektive auf deine eigene Erfahrung. Plötzlich ist "Unterstützung in der Buchhaltung" eine eigenverantwortlich geführte Kreditorenbuchhaltung mit Mahnwesen und Abschlussvorbereitung für einen Betrieb mit X Mitarbeitenden.
Dasselbe, nur richtig formuliert.
Aber, und das ist entscheidend: Jede Aussage muss belegbar sein. Im Gespräch.
Das Gespräch üben, sonst bricht (d)eine KI-Bewerbung im ersten Gespräch zusammen
Man investiert Stunden in die perfekte Bewerbung. Und geht dann ins Gespräch, als wäre die Arbeit getan. Ist sie nicht!
Die Bewerbung öffnet die Tür. Das Gespräch entscheidet.
Und genau hier scheitern viele, die KI im Bewerbungsprozess nutzen. Das Motivationsschreiben klingt stark, der Lebenslauf ist scharf formuliert - aber im Gespräch wackelt alles, weil die Person nicht wirklich verstanden hat, was sie da geschrieben hat. Oder weil sie es nie geübt hat, laut auszusprechen. KI kann auch dabei helfen, das Vorstellungsgespräch vorzubereiten, und damit meine ich nicht, sich Musterfragen aus dem Internet rauszusuchen.
KI kann das Gespräch simulieren. Gib ihr das Inserat, deinen Lebenslauf, ein paar Informationen zum Unternehmen. Und dann die Aufgabe: "Simuliere ein kritisches Vorstellungsgespräch für diese Stelle. Stell mir Fragen, die mich herausfordern. Wenn ich ausweiche oder zu allgemein antworte, hak nach."
Nimm deine Antworten auf. Hör dir selbst zu. Du merkst schnell, welche Aussagen du sicher vertreten kannst und welche noch nicht sitzen. Du erkennst, wo deine Stärken liegen. Und du übst, passt an, wiederholst... bevor es darauf ankommt.
KI ist hier dein kritischer Zuhörer, der dich immer wieder darauf hinweist, worauf du achten solltest und wo es noch mehr Klarheit braucht.
Was KI nicht kann - und nie können wird
So viel zu dem, was funktioniert. Jetzt zum anderen Teil.
KI kennt dich nicht. Sie weiss nicht, warum du morgens aufstehst, was dich antreibt, was dich nervt, was du wirklich willst. Sie kann dir helfen, deine Geschichte klarer zu formulieren, aber sie kann deine Geschichte nicht für dich erzählen. Das kann nur du.
Ein Motivationsschreiben, das vollständig mit KI generiert wurde und von dir nicht überprüft wird, liest sich künstlich, fremd. Es ist voll mit Wörtern, die du im Gespräch nie benutzen würdest, mit Sätzen, die abgehakt klingen, mit Strukturen, nach dem gleichen Muster. Es ist zwar korrekt. Aber es bist nicht du.
Dasselbe gilt auch für den Lebenslauf. Wer ihn einfach von der KI aufpolieren lässt, bekommt einen Text zurück, der glänzt aber nicht zwingend stimmt. Plötzlich stehen da Formulierungen, die du dir selbst nie zuschreiben würdest. Oder Begriffe, die zwar korrekt klingen, aber nicht das widerspiegeln, was du wirklich gemacht hast. Ein Lebenslauf, der nicht zu dir passt, fällt spätestens im Gespräch auseinander. Dann sitzt du da und musst Dinge erklären, die du selbst kaum wiedererkennst.
Deine Stimme. Deine Haltung. Deine konkreten Beispiele - das ist, was eine Top-KI-Bewerbung ausmacht. Dein Urteil darüber, was du zeigen willst und was nicht. KI ist dabei dein Werkzeug. Du bist immer der Architekt.
Zurück zu meiner Klientin: Ihre Einstellung gegenüber KI ist verständlich, aber dennoch besonders. Denn gerade im Rechnungswesen wird KI sehr wahrscheinlich bald zum Alltag gehören. Und wer nicht vollständig davon ersetzt werden möchte, tut sich selbst einen Gefallen, sich damit auseinanderzusetzen.
In ihrer Nachricht spürte ich eine tiefe Verunsicherung. Die Angst, die Kontrolle zu verlieren - etwas, das viele kennen, wenn Technologie unseren Alltag verändert. Es war nicht anders, als plötzlich keine Pferde mehr die Kutschen zogen, sondern Motoren unter der Haube brummten. Als Briefe nicht mehr tagelang unterwegs waren, sondern Nachrichten in Sekunden ankamen. Als das Internet uns binnen Minuten über alles informierte, was am anderen Ende der Welt geschah, ohne auf die nächste Zeitungsausgabe warten zu müssen.
All das hat unser Leben grundlegend verändert, in vieler Hinsicht erleichtert und gleichzeitig auf seine eigene Weise auch verkompliziert. Mit KI wird es nicht anders sein. Auch sie wird vieles erleichtern - aber auch neue Probleme mit sich bringen. Wie die Autoposer auf unseren Strassen, der Spam im Posteingang oder die Flut an Fake News.
Deshalb bin ich überzeugt: Es wird nicht darum gehen, ob wir KI nutzen oder nicht - sondern wie wir damit umgehen. Auch beim Erstellen (d)einer (nächsten) KI Bewerbung. Nutzt du KI gedankenlos, verlierst du tatsächlich etwas: deine eigene Stimme, deine Geschichte, deine Glaubwürdigkeit. Lehnst du KI komplett ab, verlierst du ein Werkzeug, das dich - richtig eingesetzt - nicht ersetzt, sondern stärkt und dich in Poleposition bei der nächsten KandidatInnen-Auswahl bringt. Die Antwort liegt also nicht im Ob, sondern im Wie.

